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Actualités 19.02.2021

Neue Wege im genossenschaftlichen Wohnungsbau

Eine innovative Antwort auf ein gesellschaftspolitisches Problem
Am Anfang stand 2016 der Investoren- und Projektwettbewerb der Stadt Bern. Für eine künftige Wohnsiedlung auf dem Areal der Mutachstrasse suchten die Initiatoren einen Gesamtleister, dessen Projektentwurf neben städtebaulichen, architektonischen und funktionalen Gesichtspunkten, insbesondere die Themen Nachhaltigkeit, soziale Durchmischung und kostengünstiger Mietwohnungsbau berücksichtigte. Damit reagierte der Wettbewerb auf die sich zuspitzende Lage in Schweizer Innenstädten, wo Wohnen für viele Bevölkerungsgruppen, wie Familien oder ältere Menschen, unerschwinglich geworden ist und die soziokulturelle Vielfalt zu verschwinden droht.  

Mit der Halter AG als Initiatorin gründeten wir die WBG «Wir sind Stadtgarten» und reichten mit dem Projekt Huebergass einen Beitrag ein, der insbesondere folgende Themen hervorhob: 

·       Günstiger Mietwohnungsbau ist möglich.

·       Grossfamilien erhalten bezahlbaren Lebensraum: für CHF 200.– pro Zimmer.

·       Mit Gemeinschaftsräumen und Room-Sharing werden Privaträume flexibel erweitert.

·       Strukturierte Aussenräume bieten Platz für die Privatsphäre aber auch für ein nachbarschaftliches Miteinander.

·       Jeder Bewohner kann an der Mitgestaltung der Siedlungsidentität und -kultur mitwirken: im Innen- und Aussenraum.

·       Kompakt wohnen – flexibel leben.

Aus dem Wettbewerb ging unser Gesamtkonzept als Gewinner hervor und wir konnten in den darauffolgenden Jahren beweisen, dass die Privatwirtschaft mit Lösungen für ein Problem überzeugen kann, das ursprünglich traditionellen Genossenschaften vorbehalten war.

Bezahlbarer Wohnraum für Vielfalt und Gemeinschaft
Spaziert man heute, rund fünf Jahre nach dem Wettbewerb, über das Gelände der fast fertigen Huebergass, zeigt bereits die Vielfalt des Wohnungsangebots, dass hier das gemeinschaftliche Zusammenleben zwischen Menschen mit unterschiedlichen Hintergründen und in verschiedensten Lebenssituationen gefördert wird. Familienwohnungen werden ergänzt durch Wohnateliers sowie Clusterwohnungen für experimentelle Wohnkonzepte, wie Familien-, Alters- oder Wohngemeinschaften z.B für alleinstehende Frauen mit Kindern. Die Mietkosten sind mit durchschnittlich 179.-/m2 Nettomietfläche bei einem Neubau inmitten der Stadt Bern unerreicht günstig. Unter strengen Vergaberichtlinien sind zudem mehrere 5 ½ Zimmer Wohnungen bereits für 1'100.-/Mt. mietbar.

Trotz der günstigen Preise sind die Wohnungen in zwar einfacher, aber guter Materialisierung ausgestattet. Besonderer Wert wurde auf helle Räume und die Bereiche Stauraum und Küche gelegt, was ein ideales Raumkonzept ermöglicht.

 

Gravitationsachse Huebergass(e)
Die privaten Aussenräume sind alle zu einem sozialen Gravitationspunkt, der Huebergasse, hin ausgerichtet, so dass Kinder beaufsichtigt spielen oder Nachbarn sich unterhalten können.

Unschwer lässt sich erahnen, dass das Thema Gemeinschaft hier grossgeschrieben wird: In den Erdgeschossen sind Gemeinschaftsräume und Jokerzimmer (vollausgestattete Appartements für Besucher) angesiedelt. Zudem ergänzen z. B. das Huebercafé mit dem Quartierzimmer, ein Quartierdepot und eine Kita das Angebot. Mittels einer Mieter-App können die Genossenschafterinnen und Genossenschafter ihr Zusammenleben koordinieren. Sie ermöglicht es z. B., Parkplätze oder Besucher-Appartements zu buchen und zu bezahlen.

Durchmischung ist keine Glückssache
Doch wer wird in ein paar Monaten hier sein neues zu Hause beziehen? Die Wohnungsvergabe erfolgte in Anlehnung an das BWO nach strengen Einkommens-, Vermögens- und Belegungsgrundsätzen. Um die sozialen Anforderungen an das Projekt zu gewährleisten, berücksichtigten wir für die Auswahlen die Parameter wie: Generationenwohnen, Migrationshintergrund, aktueller Wohnort und Familienwohnen. Mit dem Ziel der Reintegration vergeben wir darüber hinaus 10% der Wohnungen an Menschen, deren Wohnungssuche durch eine schwierige Vergangenheit erschwert ist. Sie werden von spezialisierten Einrichtungen wie der Schlossgarten Riggisberg, Wohnsinn AG, IGS, SORA, dem schweizerischen Roten Kreuz und weiteren betreut und erhalten innerhalb der Siedlung Aufgaben für die angestrebte Wiedereingliederung.

Die Huebergass: das genossenschaftliche Wohnen der Zukunft
Wenn die Genossenschafterinnen und Genossenschafter im Frühsommer ihre Wohnungen beziehen, geht das Projekt Huebergass in seine nächste entscheidende Etappe. Ab Mitte 2021 löst die Mietergenossenschaft nach und nach den aktuellen Vorstand in seiner jetzigen Funktion ab. Denn die künftigen Bewohner sind nicht einfach nur Mieter. Als Genossenschafter sollen sie das gemeinschaftliche Zusammenleben selbst bestimmen und sich die Siedlung gleichsam zu eigen machen. Schon jetzt führen die derzeitigen Vorstandsmitglieder die zukünftigen Bewohnerinnen und Bewohner in die zentralen Themen der Genossenschaft ein. Auf ihrem Weg zur Eigenverantwortung unterstützt sie dann aber vor allem die Gesellschaftsgärtnerei, eine Institution, die als Schnittstelle zwischen Siedlung und Quartier im Bereich Gesellschaft fungiert.

Die langsame Ablösung des Vorstands markiert den letzten grossen Meilenstein unseres Projekts und ebnet als Referenz gleichzeitig den Weg für weitere genossenschaftliche Wohnbauten von «Wir sind Stadtgarten» in der ganzen Schweiz. Dabei zeigt sich, dass selbst in weniger städtischen Regionen Bedarf besteht. So entsteht derzeit beispielsweise in Zumikon ein vergleichbares Projekt, dessen Fokus auf der Schaffung von Wohnraum für junge Familien liegt.

Mit der Huebergass haben wir bewiesen, dass günstiger Wohnraum möglich ist, dass eine Gemeinschaft durch eine Koordinationsstelle, wie der Gesellschaftsgärtnerei, wachsen kann, dass integrative Themen im Umfeld einer normalen Projektentwicklung Platz haben, dass die Vergabe von günstigen Wohnungen an die richtigen Personen möglich ist und dass das Herzblut der Projektentwickler über den Erfolg einer Wohnsiedlung entscheidet.

Der Vorstand
Simone Mülchi, Slavica Vranjkovic, Deborah Eggel, Raphael Burkhalter und Herbert Zaugg